Das leere Heft

oder vom Umgang mit Freiräumen

„Müssen wir heute wieder spielen, was wir wollen?“, fragen die grossen Kinderaugen die Kindergärtnerin, die seit Monaten ihre neuesten Lehrformen ausprobiert...

Ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich an den etwas überspitzten Satz meines ehemaligen Pädagogiklehrers denke, der zum Ausdruck bringt, wie fest die Kinder einen geleiteten Unterricht eigentlich erwarten.

 

Mit genau so grossen Augen fühle ich mich angestarrt von meinen 5. Klässlern, nachdem ich ihnen die Art vorstelle, wie wir in diesem Quartal im Fach Geschichte unterwegs sein werden. 

Natürlich geht es nicht darum, dass sie völlig auf sich gestellt einem Thema nach Lust und Laune nachgehen können. Es sind doch noch Dinge vorgegeben. So zum Beispiel die Spielregeln und das Oberthema.

Die Konzept der Freiarbeit aber, welches an der SalZH schon auf der Unterstufe mit Erfolg ein- und durchgeführt wird, ist so wertvoll, dass wir Mittelstufenlehrer finden, diese Lernform soll unbedingt beibehalten und auch auf unserer Stufe kultiviert und weiter ausgebaut werden.

 

Zugegeben, das grossformatige leere Heft ist für die Schülerinnen und Schüler ziemlich Furcht einflössend, zumal auch der sonst so mitteilsame Lehrer einfach schweigt und von der 5. Klasse nichts weiter verlangt ausser etwas Forscherdrang und einen gezückten Stift, der unvoreingenommen alle Erforschungen mittels Tagebucheintrag zu Papier bringt.

 

Meine kleine Truppe hat sich der Herausforderung gestellt und forscht fleissig nach Material zur Gotthardbahn. Die Jungs entwickeln sich bereits zu Lokomotiv- und Brückenbauexperten, studieren Baupläne und Tunnelbauten. Die Mädchen zeigen vor allem Interesse an den tragischen Bauarbeiter-Schicksalen. Und plötzlich merken die frischgebackenen Forscher, dass ihr leeres Heft sich zu einem Geschichts-Journal wandelt, das nicht nur monotone Lücken- und Lesetexte preisgibt, sondern gefüllt wird mit Diagrammen, Skizzen, Zeitstrahlen, und Detailberichten. Das Wertvolle daran ist, dass alles selber herausgefunden und verinnerlicht und nichts vorgekaut und konsumfertig „aus“-wendig gelernt worden ist.

Beim gegenseitigen Austausch oder durch meine Rückfragen merken die Kinder plötzlich, dass sie mit ihren selbständigen Untersuchungen und Theorien gar nicht falsch liegen und Seite um Seite wächst ihre Sicherheit.

So wird das Leer-Heft plötzlich zum Lehr-Heft. Das Wissen wird nicht einfach verabreicht und in die Köpfe geleert, sondern die kleinen Köpfe werden gelehrt, weil sie merken, dass ihr eigenes Interesse sie so weit geführt hat.

 

Prof. Dr. Gabrielus Hendrikus, SALZH, Schule Angewandter Laborforschung, Winterthur...

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