Wo das Jesuskind auf die Welt gekommen wäre

Bolivien gilt als ärmstes Land Südamerikas. Die Armut, die wir als Schweizer Familie während der Jahre 2005 – 2011 in unserem südamerikanischen Alltag in Riberalta erlebten, forderte uns immer wieder neu heraus. Wäre Jesus heute in Südamerika geboren, er hätte wohl im bolivianischen Riberalta das Licht dieser Welt erblickt. Ein Bericht in der Rückschau.

 

„Ich will nach Spanien. Was denkst du dazu?“, fragte mich Señor Manuel Ortiz (42), der als Nachtportier in einem guten Hotel an bester Lage arbeitete. Ortiz verdiente fünfhundert Bolivianos jeden Monat (ein Franken = 6.12 Bolivianos). „Das ist zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben!“, sagte er und lachte mich dabei an. Was sollte ich ihm antworten? Er hatte Recht. Nüchtern betrachtet hatten und haben die Riberalteños wenig zu lachen: Die Lebensmittelpreise im Land waren sehr labil, in Riberalta besonders. Während der Regenzeit stiegen die Preise von allem Gemüse ins Unermessliche an, denn dann waren die Naturstrassen für die schweren Gemüsetransporter unpassierbar.

 

Auch der Benzinpreis stieg, und dies mit gravierenden Konsequenzen für alle Taxistas: Es blieb kaum Verdienst übrig. Señor Braulio Mendez (41) fuhr damals sein Motorrad-Taxi geschickt im Slalom durch die Strassen Riberaltas. „Hast du gewusst“, fragte er mich, „dass Bolivien bezüglich Korruption die Nummer 1 der Welt ist?“ Ich verneinte und wollte dann die triste Aussage nicht so stehen lassen. Darum erzählte ich ihm, der geübt links und rechts überholen, dazu Geld zählen und gleichzeitig alle Chicas im Auge behalten konnte, von einer Zeitungsnotiz, die ich damals vor Monaten entdeckt hatte: „Hast du gewusst“, sagte ich ihm, „dass Bolivien in der Schweiz den ersten Preis aller südamerikanischen Länder bei einem Tanzwettbewerb gewonnen hat? Deine Landsleute sind auch die Nummer 1 im Tanzen!“ Wir lachten zusammen über die Verbindung in unseren Aussagen.

 

Nach einem Einkauf in der Stadt sassen wir auf der Plaza und trafen dabei auf Jolanda, ein zwölfjähriges Mädchen. „Hast du keine Schule?“, wollten wir von ihr wissen. Sie verneinte und begründete es nicht ohne Stolz damit, dass sie ihrer Familie Geld verdienen helfe. Geld zu verdienen war und ist in Bolivien bei einer Arbeitslosenquote von rund 30 inoffiziellen Prozenten für viele ein Spiessrutenlaufen. Die Schattenwirtschaft blühte und blüht, auch das „Geschäft“ von Jolanda gehörte dazu. Sie verkaufte bei gutem Geschäftsgang dreissig Tüten Taubenfutter täglich für umgerechnet rund 3 Rappen die Tüte und half mit diesem Geld mit, ihre Familie zu ernähren. Der Preis, den sie dafür zu zahlen bereit war, lag hoch: Sie erhielt keine Schulbildung. Die Analfabeten-Quote liegt in Bolivien über inoffiziellen 15 Prozent. Der Präsident sah das im Jahr 2009 anders, wo er verkündete, dass es jetzt keine Analfabeten mehr gäbe. „Was willst du werden?“, fragte ich das Mädchen, welches die älteste von sechs Geschwistern ist. Sie legt den Kopf schief und meint: „Ich möchte Anwältin werden.“

 

Señora Arabella Chipunavi (40) und ihr Mann Juan (43) ernährten eine siebenköpfige Familie und bewohnten als „Abwarte“ ein Haus, das einer reichen Familie aus Santa Cruz gehört und vermutlich noch immer gehört. Beide arbeiteten in Teilzeit, beide besassen keinen Arbeitsvertrag. Chipunavis wohnten vorher mit vielen Verwandten im Zentrum der Stadt. Als Arabellas Mutter krank wurde und Operationen nötig waren, verkaufte die Familie ihr Grundstück und zog an den Stadtrand, wo der Boden günstiger war. Arabella sagte mir zum Thema Armut folgendes; „Arm ist, wer nichts zu lachen und nichts mehr zu essen hat“, zwinkert mir und bringt den Satz zu Ende „und weil wir noch essen und lachen, sind wir nicht arm.“ Auch diese Facette unseres Lebens in Bolivien werde ich nie mehr vergessen. Die Hirten auf dem Felde mussten eine solch solide Lebenseinstellung gehabt haben. Gerade darum durften sie den König zuerst sehen. Frohe Weihnachten und ein glückliches Neues Jahr!

 

Mathias Rüegg / 21.12.2011

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